Mirian Angarita nahe der Simón-Bolívar-Brücke mit einem Bild ihres Sohnes Guzman Angarita. ©️Dominik Grill
Bei der Mahnwache gedachten die Angehörigen den rund 50 politischen, kolumbianischen Häftlingen in Venezoela. ©️Dominik Grill
Zehn Jahre ohne Lebenszeichen - neue Hoffnung für kolumbianische Gefangene in Venezuela
15. Januar 2026. 📍Cúcuta, Kolumbien
Mit einem Pappschild in den Händen steht Mirian Angarita auf der kolumbianischen Seite der Simón-Bolívar-Brücke in der Grenzstadt Cúcuta – genau an dem Ort, an dem vor wenigen Monaten ihr zweites Leben begann. „Das ist mein Sohn“, ist da zu lesen. „Zehn Jahre haben wir nichts von ihm gewusst.“ Das Bild darunter zeigt einen jungen Mann mit entschlossenem Gesichtsausdruck. Guzman Angarita. Im Alter von 27 Jahren wurde der gebürtige Kolumbianer, der im venezolanischen Ureña direkt gegenüber von Cúcuta lebte und als Mototaxifahrer arbeitete, vom Staatsaparat des ehemaligen Machthabers Nicolas Maduro willkürlich festgenommen und in das berüchtigte Hochsicherheitsgefängnis El Rodeo in Caracas gesperrt – danach verging ein ganzes Jahrzehnt, ohne ein einziges Lebenszeichen.
„Ich dachte, er sei tot“, erzählt Mirian Angarita unumwunden. Doch im Oktober des vergangenen Jahres, als Venezuela an eben jener Brücke 17 kolumbianische Gefangene freiließ, brachte einer der Ex-Häftlinge die frohe Kunde mit über die Grenze nach Cúcuta. „Er erzählte mir, dass mein Sohn in El Rodeo ist. Er lebt!“, sagt Mirian Angarita, die an dem Tag ebenfalls am Grenzübergang wartete. „Ich fühlte mich wie neugeboren.“
Heute hält sie dort zusammen mit anderen Angehörigen und Bekannten kolumbianischer Inhaftierter eine Mahnwache ab. Dutzende Bilder der rund 50 kolumbianischen Gefangenen liegen aus, Kerzen werden enzündet und aus einer kleinen Musikbox singt die venezolanische Gruppe Kilómetro Internacional von „Libertad“ - Freiheit. Noch vor wenigen Tagen, nach dem Militärschlag der USA gegen Venezuela und der Entführung von Maduro, war hier die Furcht vor einer erneuten Flüchtlingswelle groß, gilt die Simón-Bolívar-Brücke doch als wichtigstes Nadelöhr zum Grenzübertritt nach Kolumbien. Doch das Militär ist wieder verschwunden, das Grenzgeschehen gleicht einem ganz gewöhnlichen Montagabend, wie Ortsansässige bestätigen. Unterdessen keimt bei Mirian Angarita und ihren Mitstreitern neue Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen mit ihren Liebsten auf, nachdem Maduros Nachfolgerin Delci Rodriguez jüngst mehrmals politische Gefangene freiließ.
„Wir hoffen und glauben, dass diese Menschen noch diese Woche zurück nach Kolumbien kommen“, sagt Nubia Musa. Wie die meisten der anderen Anwesenden kämpft auch die 31-Jährige seit Jahren für die Freilassung der willkürlich verhafteten Kolumbianer. „Wir sind alle wie eine Familie. Der lange Kampf und alles, was wir zusammen getan haben, hat uns vereint.“
Seit nunmehr vier Jahren und vier Monaten ist auch Javier Giraldo Garcia Teil der Gruppe. Als er seinen Vater das letzte Mal sah, verließ dieser im Rollstuhl Kolumbien. Über die Simón-Bolívar-Brücke kehrte er damals, im September 2021, nach Venezuela zurück, nach San Cristóbal, wo er seinen Ruhestand verbrachte. Doch wenige Wochen später klopfte die venezolanische Polizei an der Tür. „Tock, tock“, macht Garcia und imitert gestikulierend den Moment, von dem er später übers Telefon erfuhr. Sein Vater, der den selben Namen wie er trägt und ebenfalls gebürtiger Kolumbianer ist, wurde erst auf die Polizeistation gebracht und anschließend ebenfalls in El Rodeo, Gebäude 3, eingesperrt. Der Vorwurf? „Sie behaupteten, er sei ein Terrorist, der Maduro töten will“, sagt Garcia kopfschüttelnd. Mit inzwischen 70 Jahren ist Garcia Senior einer der ältesten Gefangenen, die der Willkür des Ex-Präsidenten Maduro zum Opfer fielen.
Das Gefängnis El Rodeo ist eine der berüchtigsten Haftanstalten Venezuelas. In der Vergangenheit wurde es unter anderem von Ex-Gefangenen und humanitären Hilforganisationen als „Foltergefängnis“ bezeichnet. Die Haftbedingungen sind schlecht, die Zellen teils stark überfüllt. So lebt Garcias Vater zusammen mit 17 anderen Häftlingen auf einer Fläche von rund 20 Quadratmetern, erhält am Tag nur eine dürftige Mahlzeit. Immerhin versorgt das Internationale Rote Kreuz die Insassen mit Medikamenten.
Garcia weiß, dass die Uhr tickt. „Er sitzt nicht mehr im Rollstuhl, aber es geht ihm gesundheitlich schlecht“, erzählt Garcia über seinen Vater, der unter Bluthochdruck und Problemen mit dem Ischiasnerv leidet. Ein Telefonat pro Monat wird den beiden gewährt. „Diese Menschen wurden nicht verhaftet, sie wurden gekidnapped“, stellt Garcia klar. „Es gibt keinen echten Grund, sie im Gefängnis zu behalten. Es ist ein totalitäres Regime, ganz einfach.“
Als vor rund zehn Jahren Mirian Angaritas Sohn gefangen genommen wurde, erhielt sie kurz darauf einen Anruf eines Anwalts aus Venezuela. „Er bot mir an, Guzman für viel Geld zu befreien“, berichtet sie. 10 000 Dollar verlangte er - Geld, dass sie nicht auftreiben konnte. Gleichzeitig war das Telefonat für viele Jahre die letzte Spur zu ihrem Sohn. Und während Mirian Angarita seit dem vergangenen Jahr wieder hoffen darf, kam die Botschaft für ihren Mann, Guzmans Vater, zu spät. Er verstarb vor vier Jahren an einer Herzattacke. „Er ist gestorben, ohne zu wissen, ob unser Sohn noch lebt oder nicht“, sagt Mirian Angarita, ohne eine Mine zu verziehen. Ihr Schmerz lässt sich nur erahnen. Vielmehr ist ihr die gleiche Entschlossenheit ins Gesicht geschrieben, wie ihrem Sohn auf dem Pappschild, das sie in den Händen hält. „Seit Maduros Sturz hoffen wir wieder“, sagt sie. Ihr Dank richtet sich auch an Donald Trump, dessen Angriff auf Venezuela international vielfach als völkerrechtswidrig kritisiert wurde – den Angehörigen an der Simón-Bolívar-Brücke aber gibt er neue Hoffnung.
Von Dominik Grill
Nubia Musa bei der Mahnwache in Cúcuta. ©️Dominik Grill
Nubia Musa bei der Mahnwache in Cúcuta. ©️Dominik Grill